Theo und Susanna sind ein Paar. Was nicht jeder glauben mag. Meist nimmt man an, Theo sei Susies Vater. Der Altersunterschied jedenfalls ist gewaltig. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, warum Theo relativ eifersüchtig ist. Immerhin muss er ab und an auch noch mit ansehen, wie seine schauspielernde Frau Liebesszenen mit anderen dreht.

Und in diese Handy-Generation passt der Früh-Ruheständler auch irgendwie nicht. Um mal wieder Zeit für sich zu haben, mieten sich die beiden mit ihrer Tochter Ella in einem Landhaus in Wales ein. Doch kaum dort angekommen, häufen sich Alpträume und mysteriöse Dinge. Außerdem machen die Einheimischen den Eindruck, dass die Neuankömmlinge besser gar nicht erst gekommen wären. Hat Theos Vergangenheit etwas damit zu tun? Immerhin gibt’s da einen Todesfall, den er noch nicht verarbeitet zu haben scheint. Oder hängt es doch mit dem Haus zusammen. Ist dort eine böse Macht im Spiel …?

Okay, bevor jetzt jemand unkenruft, dass Kevin Bacon und Amanda Seyfried als Leinwandpaar mal so gar nicht gehen (die beiden könnten Vater und Tochter sein, bei 27 Jahren Altersunterschied): Die Story von Autor/Regisseur David Koepp macht darum überhaupt kein Geheimnis. Tatsächlich wird der Film nicht müde, auf dem Altersunterschied herum zu reiten. Der von Koepp inszenierte Grusler muss sich natürlich irgendwo auch mit den berühmten Skripts vergleichen lassen, die Koepp zu Filmen wie Jurassic Park, Der Tod steht ihr gut, Mission: Impossible, Panic Room oder Spider-Man verfasst hatte. Und den Vergleich verliert der Filmemacher leider. Die von ihm selbst inszenierten Filme halten nicht ganz mit jenen Werken stand, deren Vorlage er schrieb, die aber von anderen gedreht wurden.

Aber erst einmal von vorne: Denn im Falle von Du hättest gehen sollen stehen die Zeichen erst einmal so schlecht nicht. Zwar ist die Mystery-Story alles andere als neu, aber mit Kevin Bacon und Amanda Seyfried eben doch herausragend – und vor allem sehr dynamisch – besetzt. Denn aus dem Altersunterschied der beiden ergeben sich ja erst die Dynamiken, die dafür sorgen, dass die Beziehung kriselt.

Und es beginnt auch erstaunlich stimmungsvoll und spannend. Die Kamera nimmt den Zuschauer mit und findet Einstellungen, aus denen heraus die Spannung genauso zupackt wie der Kerl aus Daddys Alptraum. Vier ziemlich gruselige Minuten eröffnen den Film also, bevor Entspannung angesagt ist und die eigentliche Geschichte ihren Lauf nimmt. Und auch das passt. Bacon agiert souverän wie eh und je. Seyfried ist charmant wie eh und je. Das Setting auf dem Landhaus wirkt außerdem schon ohne gruselige Einlagen sehr atmosphärisch. Ein gewisse Kälte geht von dem nüchtern ausgestatteten Gebäude aus, das auch im Inneren komplett aus Mauerwerk besteht.

Selbst wenn die Story nun kein sonderlich originelles Setting liefert, nimmt sich der Film Zeit, seine Charaktere sorgsam vorzustellen. Er entfaltet die Beziehung zwischen den beiden Partnern und ihrer Tochter. Und er offenbart am Ende des ersten Drittels, warum die Umgebung teils feindselig auf Theo reagiert. Das Damoklesschwert aus der Vergangenheit, das über ihm hängt, beeinflusst sein Gemüt und Handeln noch heute. Und es liefert eine Erklärung für seine Alpträume. Koepp, der in diesem Fall „nur“ das Drehbuch schrieb, vertraut auf die sich langsam aufbauende Atmosphäre aus Misstrauen und Wut, die von der Vorlage Daniel Kehlmanns (Die Vermessung der Welt) ausgeht.

Selbst wenn dessen Erzählung hier durchaus gravierend verändert wurde. Wenn im letzten Drittel des Films der Mystery-Aspekt Einfluss nimmt, mehren sich zwar die gruseligen und schaurigen Szenen, allerdings verlässt Du hättest gehen sollen damit den Pfad der interpersonellen Dynamik zwischen Theo und Susanna. Die Stimmung schlägt um und steuert auf ein Finale hin, deren Überraschungseffekt der geübte Filmschauer leider allzu früh durchschaut.

Ein echtes Knallbonbon ist Koepp damit zwar nicht gelungen, aber immerhin ein erlesen fotografierter Grusler, der das Innere des Hauses äußerst effektiv nutzt, um Grusel zu erzeugen. Ganz besonders klasse: Jene Szene, in der eine an einer langen Leitung hin- und herschwankende Glühbirne für eine Art M.C.Escher-Effekt im Treppenhaus sorgt. Hier kann man als Zuschauer schon mal ebenso die Orientierung verlieren wie Theo.

Übrigens: Du hättest gehen sollen kommt als Video-Veröffentlichung, da es die Blumhouse-Produktion noch stärker erwischt hat als The Hunt kurz zuvor. Eine Kinoauswertung war coronabedingt weder in den USA noch in Deutschland möglich.
Du hättest gehen sollen ist nicht der große Wurf. Er ist aber auch nicht so schlecht, wie ihn einige US-Kritiker gerne hätten. Man darf die simple und wenig überraschende Aufklärung des Ganzen kritisieren. Die Spannung dazwischen sowie die Darstellerleistungen und Kameraarbeit gehören aber ausdrücklich gelobt.
Autor: Timo Wolters - © 2020 Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten
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