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Filmrezension: 1917

Filmtip 1917Frankreich, mitten im Ersten Weltkrieg. Die beiden britischen Lance Corporals Schofield und Blake gehen eigentlich davon aus, dass sie Weihnachten zu Hause Truthahn speisen können. Doch ihr Oberbefehlshaber General Erinmore hat eine ganz spezielle Aufgabe für die Zwei...

 

 

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Frankreich, mitten im Ersten Weltkrieg. Die beiden britischen Lance Corporals Schofield und Blake gehen eigentlich davon aus, dass sie Weihnachten zu Hause Truthahn speisen können. Doch ihr Oberbefehlshaber General Erinmore hat eine ganz spezielle Aufgabe für die Zwei...Denn während die Erste Division, er sie angehören, über bestimmte Informationen verfügt, weiß das 2. Bataillon des Devonshire Regiments nichts von diesen Details. Details, die besagen, dass die Deutschen sich aus einem Gebiet zurückgezogen haben, um das 2. Bataillon schwer bewaffnet genau dort abzufangen, wo deren Oberst, Colonel MacKenzie, durch zu stoßen gedenkt. Täte er es, wäre das der Tod von 1600 Soldaten. Blake und Schofield sollen MacKenzie die Nachricht zum sofortigen Stopp der Aktion überbringen. Nicht ganz uneigennützig für Blake, dessen Bruder im 2. Bataillon kämpft. Zu Zweit müssen sie nun mitten durchs Feindgebiet, durch Stacheldraht-Labyrinthe und an entstellten Leichen vorbei. Angeblich, so sagen Luftaufnahmen, ist das Gebiet von Deutschen frei. Doch die Wahrheit hält einige Überraschungen bereit …

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Es gab wohl kaum einen zweiten Film, der im vergangenen Kinojahr ähnlich viel Aufsehen erregt hat wie Sam Mendes‘ Kriegsdrama 1917. Und das nicht, weil die Story sonderlich provokant oder kontrovers ist, sondern weil er technisch so beeindruckend und außergewöhnlich geriet. Es gab schon Filme, die Elemente beinhalteten, in denen die Kamera dem Protagonisten in einem so genannten „One Shot“ begleitete. Alfonso Cuaróns Children of Men war hier sicherlich einer der Pioniere, an dem sich heute viele orientieren. Sebastian Schipper trieb es dann mit Victoria auf die Spitze, den er in einer 140-minütigen und ungeschnittenen Einstellung abdrehte.

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Mendes wiederum ging einen eigenen Weg. Der komplette Film sollte (mit Ausnahme einer zwischenzeitlichen Bewusstlosigkeit des Hauptdarstellers) in Echtzeit spielen und die Kamera die beiden Protagonisten niemals aus den Augen lassen. Nur so wäre es laut Mendes möglich gewesen, den Zuschauer maximal ins Geschehen zu ziehen. Was klingt, als hätte man 1917 auch in Echtzeit drehen müssen, ist dann in Wahrheit ein sensationell geschickt geschnittener und akribischst geplanter Prozess. Und wenn dort steht „akribischst“, dann bedeutet das, dass man in der Planung jede Kameraposition, jeden Winkel und jedes dazu vorhandene Set sowie die Darsteller minutiös getimt hat. Zwei Drehbücher (eins für die Story, eins für die Kameraarbeit) dienten am Set zur Orientierung und ausgiebige Proben zementierten dann den finalen Ablauf einzelner Szenen, die später perfekt übereinander gelegt werden konnten.

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Dabei musste neben dem Einstudieren von Bewegungen vor allem eins koordiniert werden: Das Wetter. Mendes und sein genialer Kameramann Roger Deakins (1984, Blade Runner 2049) entschlossen sich, bei Bewölkung zu drehen, nicht bei Sonne. Zum einen, weil das Licht berechenbarer ist, zum anderen schlicht, weil es an den Drehorten häufiger anzutreffen war. Schien die Sonne, musste also ohnehin gewartet werden. Zeit, die man fürs exzessive Proben nutzen konnte. Herausgekommen ist ein Film, der entweder völlig fesselt oder das genau Gegenteil. Denn es hat schon genau diejenigen gegeben, die mit dieser Art der Kameraführung und des Echtzeit-Verfolgens rein gar nichts anfangen konnten.

Alle andere aber werden für 110 Minuten von der ersten bis zur letzten Sekunden in den Bann gezogen. Und das, obwohl lange Zeit nicht wirklich viel passiert. Man folgt Blake und Schofield, wie sie sich ihren Auftrag abholen und sich in die Richtung jener Soldaten-Kollegen begeben, denen sie ihre Nachricht überbringen müssen. Dabei philosophieren die beiden jungen Corporals. Mal übers Essen, mal über Ratten, mal darüber, wie sinnvoll ihr Auftrag sein mag und was man auf dem Weg wohl für Gefahren kreuzen muss... Vornehmlich schaut man also zunächst zwei Soldaten zu, die sich in den Gräben und auf den Schlachtfeldern bewegen, ohne groß auf Feinde oder Freunde zu treffen.

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Doch ganz so harmlos bleibt es natürlich nicht. Denn während die Schlachten zunächst nicht gefochten werden, stolpern die sie eben auch über Leichen. Sie sehen mit an, wie Hunde an Toten knabbern und entdecken verendete Körper im Stacheldraht. Manchmal greifen sie aus Versehen neben sich und stecken mitten in den Eingeweiden eines Deutschen. Bilder, die einen nicht kalt lassen. Um diese beiden Protagonisten möglichst wie die „normalen“ Fußsoldaten abzubilden; wie Jungs, die aus der eigenen Nachbarschaft kommen könnten, besetzte Mendes mit Dean-Charles Chapman und George MacKay zwei noch sehr junge und unverbrauchte Darsteller. Zwar werden GoT-Fans Chapman als Tommen Baratheon kennen, doch wer Game of Thrones bisher verweigert hat, wird mit seinem Gesicht nur wenig anfangen können. Zumal er gegenüber der Rolle als Tommen optisch sehr verändert erscheint. George MacKay bewies indes schon in den Independent-Produktionen (Captain Fantastic und Das Geheimnis von Marrowbone), dass er ein hervorragendes Talent ist.

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Beide jedoch sind weit vom Heldentum entfernt und so taugen ihre Rollen ebenso wenig als Projektionsfläche für patriotische Loblieder wie die zwei Schauspieler selbst. Diese Natürlichkeit ist es auch, die eine Bindung zum Zuschauer herstellt. Und sie sorgt dafür, dass bei den überraschenden Wendungen der Schock entsprechend tief sitzt. Die Spannung indes wird nicht nur durch die außerordentliche Kameraführung erzeugt, sondern auch durch die kongeniale Filmmusik. Sie hält sich dezent im Hintergrund, wenn Schofield und Blake über Alltägliches diskutieren und schwillt an, sobald Gefahr lauert. Mit Kompositionen, die auch Horrorfilmen gut zu Gesicht stünden, wird Thriller erzeugt und der Zuschauer zusätzlich zu den fesselnden Bildern ins Geschehen gesogen.

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Womit wir dann wieder bei der Kameraführung wären. Es gibt Momente, da ist man so im Film, dass man gar nicht mehr bewusst merkt, dass hier quasi in Echtzeit und ohne (sichtbaren) Schnitt gearbeitet wird. Vermutlich ist es genau das, was Deakins und Mendes bezweckten. Man ist praktisch dritter Protagonist oder wahlweise stummer Koop-Gamer. Man verfolgt das Geschehen unmittelbar und gerät mit unter Beschuss, wenn es brenzlig wird. Es ist schon erstaunlich, wie gut das funktioniert und wie wenig man daran zweifelt, dass man sich ernsthaft zwischen den Fronten befindet – mit allen Konsequenzen. Denn was sich als einfacher Auftrag auf leeren Feldern ankündigt, hält nicht nur eine unangenehme Überraschung parat. Und die treffen unvorbereitet ein, nehmen mit und berühren. Eben weil dort zwei junge, ganz normale Männer unterwegs auf einem Himmelfahrtskommando sind. Männer aus Fleisch und Blut, verletzlich und verletzbar. Gerade das Mittel der Echtzeit sorgt hier für unbequeme Bilder. Denn wo ein anderer Film schon drei mal geschnitten hätte und andere/neue Szenen eingefügt hätte, um allzu schmerzhafte Szenen zu egalisieren, bleibt die Kamera hier auf dem Geschehen – egal, wie dramatisch und unaushaltbar es sein mag.

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Verblüffend ist vor allem im späteren Verlauf, wie nahtlos sich vorhandene CGIs ins Geschehen einfügen. Zwar wurden viele Sets praktisch errichtet, bei Erweiterungen und Umgebungen kamen aber immer wieder computergenerierte Elemente zum Einsatz. Worauf hierbei genau geachtet werden musste, lest ihr im Interview mit Guillaume Rocheron (im Anschluss ans Kapitel „Bonusmaterial“), dem Visual Effects Supervisor von 1917. Auch diese nahtlos funktionierende Verquickung von echten Sets, CGIs und der Kameraarbeit trägt zum Gelingen bei. Dabei hätte aufgrund der eigentlich dünnen Story das Risiko groß sein können, dass der Film zum reinen Technikobjekt wird, zur Schau seiner Kameraführung und Inszenierung. Doch das ist zu keiner Zeit der Fall. 1917 bleibt spannend und packend – und das bis zur sensationellen Sequenz im Finale, wenn Schofield im Spurt über das Schlachtfeld rennt wie ein Rugby-Spieler.

 

 

Fazit:

1917 zieht den Betrachter aufgrund der Art des Filmens in den Bann wie kaum ein anderer Film. Selten war man derart „dabei“, fühlte sich mehr am Set als innerhalb dieses Kriegsdramas. Die beiden Hauptdarsteller liefern ihre Rollen absolut glaubwürdig ab und sorgsam eingestreute Spannungs- und Actionmomente sorgen für Abwechslung.

Technisch überzeugt die UHD auf ganzer Linie und überflügelt die BD in Detailtiefe und Kontrastierung deutlich. Dazu gibt’s einen sehr dynamischen, vor allem subtil hervorragend funktionierenden Sound, der im 3D-Soundbereich etwas mehr hätte liefern können, einige Sequenzen aber referenzwürdig abliefert.

 

Filminfos und Inhalt: 1917

  • Anbieter: Universal Pictures
  • Land/Jahr: USA 2019
  • FSK 12
  • Regie: Sam Mendes
  • Darsteller: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Daniel Mays, Colin Firth, Pip Carter, Andy Apollo, Paul Tinto, Josef Davies, Billy Postlethwaite, Gabriel Akuwudike
  • Tonformate BD/UHD: Dolby Atmos: de, en
  • Bildformat:2,39:1

Autor: Timo Wolters - Copyright Szenenfotos: © 2019 Warner Home Video Germany

 

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