Im Berliner Stadtteil Neukölln bist du entweder Gangster oder Opfer. Und das gilt insbesondere für die Bewohner der Gropiusstadt, einer Art Stadt innerhalb der Stadt. Dort leben Lukas und seine Freunde Gino und Julius. Immer wieder schwänzen sie die Schule, weil eine Perspektive eh kaum vorhanden ist und Freundschaft über Lernstoff steht.
Um Stoff geht’s auch an diesem heißen Morgen. Denn Lukas ist am Schuleingang aufgrund des fehlenden Ausweises abgeblitzt. Also ruft er Gino am, um gemeinsam zu schwänzen und sich ein bisschen Hasch von „den Türken“ zu holen. Dass Julius spontan mit dabei ist, gefällt Lukas nicht. Zumal der Angeber unbedingt über die große Wiese abkürzen will, wo „die Araber“ ihrerseits auf Abnehmer des feilgebotenen Dopes warten. Da natürlich ein Wort das nächste ergibt, landet Lukas mit blutiger Nase auf dem Boden. Bei den „eigenen“ Dealern angekommen und die Sache gebeichtet, geht’s schnurstracks zurück in eine Massenschlägerei, an deren Ende die Araber von Lukas 500 € verlangen. Woher die kommen sollen, ist ihm schleierhaft. Vielleicht kann sein Bruder aushelfen? Oder doch lieber in die Schule einbrechen und die neuen Computer klauen, wie Lukas‘ neuer Freund Sanchez vorschlägt …

Man kann und mag von Felix Lobrecht halten, was man will. Einer der derzeit angesagtesten Stand-up-Comedians Deutschland ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Der Verfasser dieser Zeilen kann mit seinem Humor tatsächlich gar nichts anfangen. Und auch der fleißige Podcast-Hörer in mir hat bisher maximal müde über Gemischtes Hack schmunzeln müssen. Was man Lobrecht allerdings nicht vorwerfen kann, ist sein Mangel an Engagement und seine Umtriebigkeit. Als Poetry Slamer gestartet, füllt er mittlerweile große Säle und ist gern gesehener Gast bei großen Comedy-Shows. Doch Lobrecht kann auch anders. Denn sein Background hat nicht nur Witziges zu bieten. Als Fünfjähriger zog er nach dem Krebstod der Mutter gemeinsam mit dem Vater nach Berlin. Neukölln, um genau zu sein. Gropiusstadt, um exakt zu sein.

Ist Neukölln mit seinen rund 160 dort lebenden Nationen schon einer der am dichten besiedelten Stadteile Deutschlands, ist die Großsiedlung Gropiusstadt mit seinen hochgezogenen Wohnbunkern bereits seit den 80ern sozialer Brennpunkt. 18500 Wohnungen wurden damals im „modernen“ Hochhausstil errichtet und genau dorthin verschlug es Lobrecht kurz vor der Einschulung. Eine kleine Stadt innerhalb eines Stadtteils, in der vor allem Armut und schlechte Bildung das Bild der Jugendlichen prägte. Neben Lobrecht wuchs dort übrigens noch eine weitere Prominente auf, welche – genau wie der Comedian – die Geschichte ihrer Jugend in einem Buch verarbeitete: Christiane Felscherinow, besser unter dem Vor-/Nachnahmen-Kürzel Christiane F. bekannt.

Lobrecht verarbeitete seine Jugend in Gropiusstadt im Buch Sonne und Beton, das er 2017 veröffentlichte. Nun, sechs Jahre später, hat er mit Regisseur David Wnendt (Er ist wieder da) daraus ein Dehbuch gemacht, das Wnendt im Anschluss selbst verfilmte. Und in Sachen Jugendporträt ist dem deutschen Film lange Zeit nichts besseres gelungen. Vor dem Hintergrund von Schröders Agenda 2010 spielt Sonne und Beton während des Hitzesommers 2003. Und diese Atmosphäre bietet eine mehr als angemessene Grundlage für den Film. Denn es geht auch inhaltlich hitzig zu. Die Nerven lieben nicht nur einmal blank. Auch wenn daran das Wetter nicht die Schuld trägt – einen kühlen Kopf bewahren geht anders. Das Drehbuchteam Lobrecht/Wnendt hielt sich erstaunlich eng an der Vorlage und fängt auch das Jugendsprech der damaligen Zeit authentisch ein. Allerdings ist das Fluch und Segen zugleich. Denn was im Grunde echt rüberkommt, ist nicht selten unverständliches Gebrabbel. Wer damals nicht ebenso voll in dieser Sprache war, wird seine lieben Schwierigkeiten mit der Dialogverständlichkeit haben.
Allerdings bekommt man auch ohne jedes Wort zu verstehen ganz gut mit, was Phase ist – was wiederum am hervorragenden Schauspiel der Darsteller liegt. Lediglich die Lehrer und ein paar wenige andere wurden aus professionellen Schauspielern rekrutiert. Die Jugendlichen sind größtenteils durch Streetcastings an ihre Rollen gekommen und Levy Rico Arcos (Lukas) geht selbst auf eine Schule in Gropiusstadt. Kein Wunder, dass die Dynamik innerhalb des Quartetts durchweg überzeugt. Lediglich Julius-Darsteller Vincent Wiemer übertrebit es mit seiner Aggro-Art, bei der man nur selten nachvollziehen kann, warum sich Lukas und Gino überhaupt mit ihm abgeben. Es hilft zudem, ein dickes Fell gegenüber Schimpfwörtern zu haben, denn hier hört man so ziemlich jedes einzelne, das die deutsche Jugensprache so hergibt.

Was Sonne und Beton vor allem ausmacht, ist das Porträt einer Jugend, die schon früh weiß, dass sie kaum eine Perspektive hat. Sinnbildlich dafür steht die Figur des Gino. Monate-, wenn nicht gar jahrelang spart er Geld, um irgendwann mit seiner Mutter vor dem gewalttätigen Vater fliehen zu können, nur um am Ende festzustellen, dass Flucht nur eine Illusion war. Manchmal hat man das Gefühl, der Film staple soviel Schei*e aufeinander, dass es bald nicht mehr höher geht. Doch genau das war Lobrecht, ein Anliegen. Denn dieser „Strudel aus Scheiße“ ist es, der dem Quartett widerfährt. Es gibt Szenen, bei denen man eigentlich nicht mehr hinschauen möchte; Szenen, in denen Gewalt durchaus roh und unmittelbar gezeigt wird. Die Dynamiken innerhalb der Familien der Kids sind allesamt übel, jede auf ihre Weise – die Mutter-Sohn-Beziehung bei Sanchez mal ausgenommen.

Vor allem die Momente bei Gino sind kaum zu ertragen. Doch warum sollte ein Film solche Dinge ausblenden. Dinge, die im realen Leben vermutlich sogar noch deutlich drastischer zugehen. Hier und da hätte man sich noch etwas mehr aus dem Innenleben der Mütter, Väter und Anverwandten gewünscht, um noch mehr in die Figuren eintauchen zu können. Aber alles in allem ist Sonne und Beton eine Demonstration dafür, wie gut deutsches Kino sein kann.

Sonne und Beton ist ein gelungenes, mitunter packendes Sozialdrama, das den Vergleich mit Bucks grandiosem knallhart nicht zu scheuen braucht. Die jungen Darsteller sind fast ausnahmslos famos besetzt und agieren absolut authentisch. Dass man hin und wieder denkt, dass so viel Schei*e doch gar nicht am Stück passieren kann, ist vom Schöpfer der Geschichte so gewollt. Was der Atmosphäre des Films außerdem zuträglich ist, ist die Art und Weise, wie das stilisierte Bild mit der akustischen Surroundkulisse harmoniert.
Autor: Timo Wolters - ((Copyright Szenenfotos: © Constantin))
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