“Ich komm’ hier zurecht!” – Fern weiß die guten Ratschläge zu schätzen, die ihr ein warmes Bett in einer Kirche vorschlagen. Doch sie hat sich ganz bewusst dazu entschlossen, ihr Leben in ihrem weißen Van zu verbringen. Nachdem die Gipsmine in ihrem Heimatdorf schließen musste, hat man dem Kaff sogar die Postleitzahl (und damit praktisch die Existenz) entzogen. Und weil Ferns Mann verstarb, hielt sie schlicht gar nichts mehr an diesem Ort.
Nun tingelt sie von Job zu Job und von Autostellplatz zu Autostellplatz. Ganz nahe bei ihr sind die anderen modernen Nomaden. Allesamt Menschen, die ausgestiegen sind. Aus verschiedenen Gründen: Unheilbare Krankheiten, Freiheitswillen, Mangel an Geld für eine Bleibe, Suche nach einem Sinn. Fern fühlt sich wohl in deren Umgebung. Sie reist mit. Egal, wie kalt die Nächte auch sein mögen …

Der amerikanische Westen. Zentraler Dreh- und Angelpunkt eines Filmgenres, das die Kinos der 40er und 50er so sehr bestimmte wie kein anderes Genre des US-Films. Die Faszination, die von den Weiten dieser Gegend ausgeht, ist selbst heute noch ungebunden. Und diese Art moderner Nomaden, die Nomadland portraitiert, unterscheidet sich gar nicht so sehr von den Pionieren, die den Wilden Westen beritten. Chloé Zhao hatte 2017 mit The Rider nachgespürt, was es für einen Rodeoreiter heißt, wenn er seinen Job aufgrund einer Verletzung nicht mehr ausüben kann – wie kann ein kerniger Typ sein neues Ich akzeptieren?
Aktuell ist sie als Regisseurin von Marvel’s The Eternals engagiert – viel differenzierter kann man kaum Regie führen.

Mit der Geschichte zu Nomadland kam die gebürtige Chinesin in Berührung, weil Frances McDormand sich die Rechte zum 2017 erschienenen Sachbuch Nomadland – Surviving America in the Twenty-First Century der Journalistin Jessica Bruder gesichert hatte. McDormand hatte Zhaos The Rider gesehen und hielt die Regisseurin für die perfekte Wahl. Und das zu Recht. Denn Zhao, die sich selbst als eine Art Nomadin sieht, machte sich mit ihrem Partner kurz nach dem Entschluss, den Film zu drehen, selbst auf eine Art Roadtrip, um die Gemeinschaft der Nomaden besser kennenzulernen. Diesen Begegnungen ist es auch zu verdanken, dass einige der von Bruder im Buch beschriebenen Menschen tatsächlich auch im Film zu sehen sind.
Aber nicht nur diese Tatsache gibt Nomadland einen semidokumentarischen Anstrich. Auch die Kameraführung und die Art der Erzählung führen dazu. So beginnt der Film beispielsweise einfach. Ohne echten Startpunkt. Wir erfahren eher beiläufig, dass Ferns Eheman verstarb und die Gipsmine schließen musste. Es ist auch nicht wirklich von Interesse, sondern bildet nur den Hintergrund für eine gewisse melancholische Stimmung; für lange und beobachtende Einstellungen Ferns, wie sie an den Lagern der Nomaden vorbeiläuft und für fast zufällig aufgeschnappte Gespräche oder Monologe der Protagonisten. Man muss als Zuschauer ein Interesse für dieses Leben und für diese Art der Existenz mitbringen; man muss offen sein für einen Film, der sich wenig um gängige Erzählstrukturen kümmert.
Wer Lynchs Straight Story kennt oder Hopkins in Mit Herz und Hand mochte, und wer sich dann noch einen standardisierten Handlungsverlauf wegdenkt, der weiß in etwa, was ihn erwartet. Nomadland ist seine Geschichte auch viel weniger wichtig als die Menschen, die ihn bevölkern. Als Zuschauer werden wir für einen Moment Teil ihres Lebens. Wir begleiten sie ein Stück auf ihrem Weg, bevor sie sich dann wieder verabschieden, um in eine andere Richtung zu gehen. Wir hören ihren Geschichten zu, freuen und mit ihnen und sind mit Ihnen auch mal traurig. Frances McDormand nimmt dabei oft die Rolle des Zuschauers ein. Sie hört zu, lässt sich die Lebensweisheiten der Menschen um sie herum erzählen und nimmt Anteil.
Zudem wird man Zeuge, dass auch das heutige Amerika noch immer von Menschen gestützt wird, die den Traum vom Tellerwäscher zum Millionär niemals erreichen werden. Fern muss sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, sei es in einem Schnellrestaurant, in einem großen Versandhaus oder als Putz- und Servicekraft auf einem Campingplatz – keiner ihrer Kollegen und Kolleginnen wirkt, als würden er oder sie es irgendwann zur Villa in Beverly Hills bringen. Und so romantisch wie es manchmal am Lagerfeuer mit einer Gruppe von 20 Nomaden ist, so einsam kann das Leben auch sein.
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In zwischendurch melancholischen Bildern unterlegt mit ebenso melancholischer Klaviermusik von Ludovico Einaudi verdeutlicht Nomadland, dass Fern viel Zeit mit sich selbst verbringt. Sie sitzt alleine in einem leeren Restaurant, sie steht alleine mit ihrem Van auf einem riesengroßen Parkplatz in der Nacht. Ein Zustand, der von tiefer Traurigkeit zeugt, den sie aber trotz der zeitweisen Einsamkeit nicht ändern möchte oder kann. Denn eine sich andeutende Romanze blockt sie bisweilen rüde ab. Nomadland ist ein Film der leisen Worte und der warmherzigen Bilder. Toll gespielt, toll fotografiert und absolut bewegend, wenn man sich darauf einlassen kann.
Nomadland lebt von seiner authentisch eingefangenen Stimmung. Von seinen Charakteren und dem, was sie erzählen. Der Zuschauer wird zum Zuhörer. Denn während visuell nur wenig passiert, bekommt man eindrucksvoll viele Geschichten vermittelt. Das ist sicherlich nichts für die Generation “1000 Schnitte in 10 Minuten”, aber ein kleines Juwel, das sich zu entdecken lohnt.
Autor: Timo Wolters 2020 - 20th Century Studios All Rights Reserved / The Walt Disney Company (Germany)
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