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Filmrezension: Free Guy

Filmtip Newsbild Free GuyWenn eine Videospielfigur plötzlich ein eigenes Bewusstsein entwickelt… Aufstehen, wachrütteln, den Goldfisch begrüßen, blaues Hemd, beigefarbene Hose, Frühstücks-Cerealien – Guy lebt das perfekte Leben in Free City. Jeder Tag ist gleich. Aber das kümmert ihn nicht. Und dass die Bank ebenso an jedem Tag aufs Neue überfallen wird, daran hat er sich schon lange gewöhnt.

 

 

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Überhaupt scheinen die Menschen, die in der Stadt ihrem regulären Geschäft nachgehen, kaum darüber erbost zu sein, wenn sie ständig überfallen oder von außergewöhnlichen Ereignissen aus ihrem Trott gerissen werden. Das einzige, das Guy fehlt, ist eine attraktive Frau an seiner Seite. Und da er täglich dieser Lady in der weinroten Lederhose begegnet, hat er sie auserkoren. Dumm nur, dass sie eine Sonnenbrille trägt. Denn Sonnenbrillen tragen nur die Helden und Heldinnen. All jene, die für die Normalos in Free City eigentlich tabu sind. Nicht ansprechbar. Und schon gar nicht mit der Perspektive auf gegenseitige Kommunikation.

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Doch Guy fasst sich ein Herz und läuft ihr nach. Nachdem er von einem Zug erfasst wird und am nächsten Tag irgendetwas anders ist, beginnt er, seine Routinen zu hinterfragen. Nicht ohne Folgen. Dass er statt einem Kaffee einen Cappuccino bestellt, bringt beispielsweise das komplette Restaurant durcheinander. Alle sind völlig entgeistert. Und während Guy das erste Mal genervt auf die Bankkunden und den Überfall reagiert, schnappt er sich (auf schmerzhafte Art und Weise) auch eine Sonnenbrille. Und als er sie aufsetzt, sieht er Free City plötzlich mit anderen Augen – im wahrsten Sinne des Wortes. Lauter bunte Icons, Power-ups und unbekannte Vehikel sind unterwegs. Und als er nach einem Verbandskasten greift, fühlt er sich plötzlich richtig erfrischt und unbesiegbar. Noch besser: Nachdem er ein Bündel Geldscheine greift, weist sein Kontostand ein echtes Vermögen auf, sodass er sich endlich die tollen Jump Shoes kaufen kann. Was Guy noch nicht weiß: Er ist ein NPC. Ein “non player character” in einem Videospiel. Also einer, der die Spielwelt lediglich bevölkert, aber nicht in sie eingreifen kann. Dass er es nun doch tut, stellt das Spiel und deren Entwickler vor eine große Herausforderung. Auch deshalb, weil diese Frau in der weinroten Hose etwas ganz Bestimmtes in der Spielwelt sucht. Und dabei könnte ihr “Blue Shirt” Guy helfen …

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Ryan Reynolds ist ein Hollywood-Sympath. Sein Engagement im privaten, aber auch professionellen Bereich sorgt nicht zuletzt dafür, dass man ihn für einen der wenigen echten Superstars Hollywoods bezeichnen kann, die gleichzeitig auf dem Boden geblieben sind. Die Art und Weise, wie er mit seinen Filmflops umgegangen ist (vor allem jenem als Green Lantern), zeugt von größtmöglicher Selbstironie und dass er gegen sämtliche Widerstände die Verfilmung von Deadpool durchgesetzt hat, ist ihm gar nicht hoch genug anzurechnen. Allerdings gibt’s eine ganze Menge Filmfans da draußen, die mit ihm (und seiner aktuell etwas omnipräsenten Art) nichts anfangen können. Das wären dann vermutlich auch diejenigen, für die Free Guy nichts ist. Denn der Videogame-Virtual-Reality-Spaß ist (fast) eine Reynolds-One-Man-Show. Shawn Levy hatte das Skript schon vor einigen Jahren gelesen, kam aber erst wieder dazu, nachdem Hugh Jackman ihn mit Reynolds bekannt gemacht hatte. Gemeinsam ging man das Drehbuch noch mal durch und Reynolds hatte ohnehin vor, den Film zu produzieren.

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Herausgekommen ist nun eine wirklich abgefahrene Mischung aus Truman Show und täglich grüßt das Murmeltier, Ready Player One und Ralph reicht’s. Und das Ganze wird garniert mit einer derartigen Vielzahl an Querverweisen auf Videogames und Popkultur, dass man alleine darüber eine Abhandlung schreiben könnte. Obwohl Regisseur Levy im Bonusmaterial zugibt, dass seine Spielerfahrungen praktisch aus Games aus der grauen Vorzeit resultiert, hat er sich ganz offenbar hingesetzt und eine Menge recherchiert. Denn selten wurde das Szenario eines Open-World-Spiels derart authentisch in einem Film verarbeitet.

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Dabei macht es gar nichts, dass hier zum Teil oldschool-Elemente wie bunt leuchtende Power-ups auf denjenigen warten, der sie einfach “überläuft”, während auf den Straßen eine Map aufgebaut ist, die doch SEHR nach GTA aussieht (und damit die moderneren Spiele repräsentiert). Denn hier wird einfach wild und bunt gemixt, um den Unterhaltungswert und die Verbindung zur Gaming-Szene herzustellen (Auftritte von echten Twitchern inklusive). Reynolds als Guy ist derweil absolut erstklassig besetzt. Gerade, WEIL er ansonsten den coolen und über den Dingen stehenden Actionhelden gibt, macht es so viel Spaß, ihm als naiven NPC zuzuschauen. Wenn er sich von Level-195-Molotov-Girl erklären lässt, wie er selbst höher levelt (damit er schicke Handgranaten verwenden kann), kommt man um ein Dauerschmunzeln nicht herum. Nur mit einem halben Ohr zuhörend greift er nach mehreren ihrer Waffen und wird von Molotov-Girl glatt abgebügelt. Sein Gesichtsausdruck in diesen Momenten: Unbezahlbar. Wenn er anfängt, sein Leben als “guter Junge” zu begehen und dabei gerne mal Schiffbruch erleidet, um sein Level zu erhöhen, merkt man Reynolds die wahre Spielfreude an.


Absolut witzig ist auch der Tonfall, den Reynolds im Original und auch sein Synchronsprecher Dennis Schmidt-Foß anschlagen. Es ist diese Mischung aus notorischer Gutmütigkeit gepaart mit einem etwas leiernden Abgang, der verdeutlicht, dass das hier alles irgendwie nicht so ganz real scheint und er seit gefühlten Jahren denselben Tag erlebt. Und weil Reynolds nach wie vor ein physischer Typ ist, hat man ihm ein paar ziemlich coole Kampfchoreografien auf den Leib geschneidert, die anders sind als alles, was man bisher gesehen hat. Klasse auch die Harmonie zwischen ihm und Molotov-Girl-Darstellerin Jodie Comer (Star Wars Episode IX). Möchte man hier Kritik ansetzen, dann sicherlich an der arg überdrehten Figur des von Taika Waititi (Regisseur von Jojo Rabbit oder Thor: Tag der Entscheidung) dargestellten Publishers Antwan. Klar, dass man hier möglichst übertrieben charakterisieren wollte, aber Waititi tut genau das, wovon er im Bonusmaterial spricht: Er ertrinkt in seiner Figur. Darstellerisch macht er das gut, aber es nervt halt auch ein bisschen.

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Erzählerisch wird im Vordergrund eine Geschichte von freiem Willen und dem Recht auf Selbstverwirklichung erzählt, während die reale Welt eine Computer-Crime-Story bereithält, nach der zwei fähige Entwickler von einem Publisher übers Ohr gehauen wurden. Beide Ebenen funktionieren für sich erstaunlich gut, sodass der Wechsel in die Realwelt nicht allzu sehr aus dem Fluss reißt. Dass die Spielwelt nach knapp 80 Minuten sogar ein Stück weit politisch wird und in ihr ein flammendes Plädoyer für systemrelevante Berufe gehalten wird, steht dem Ganzen gut – ausgelassen feiernde NPCs im Coffeeshop inklusive. Wenn’s dann im Finale auch noch Querverweise auf das MCU gibt (inkl. sensationellem Gastauftritt eines Marvel-Helden), kann man Free Guy eigentlich nur noch feiern.

 

 

Fazit

Free Guy ist pure Unterhaltung mit blendend aufgelegten Stars und einer Fülle an visuellen Einfällen. Sollte man nicht auf der Seite der Ryan-Reynolds-Vermeider stehen, wird man über die zwei Stunden blendend unterhalten und bekommt dazu einen sehr lebhaften Sound.

 

Filminfos und Inhalt: Free Guy

  • Anbieter: The Walt Disney Company (Germany)
  • Land/Jahr: USA 2021
  • Regie: Shawn Levy
  • Darsteller: Ryan Reynolds, Jodie Comer, Joe Keery, Lil Rel Howery, Utkarsh Ambudkar, Taika Waititi
  • Bildformat: 2,39:1

Autor: Timo Wolters -Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

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