Kays Mutter ist verschwunden. Seit Tagen hat sie keiner mehr gesehen. Niemand. Wie vom Erdboden verschluckt. Als Kay den Anruf von der Polizei bekommt, sie solle doch mal nachsehen, ob ihre Mutter noch da ist, ahnt sie jedoch nicht, was auf sie...
Kays Mutter ist verschwunden. Seit Tagen hat sie keiner mehr gesehen. Niemand. Wie vom Erdboden verschluckt. Als Kay den Anruf von der Polizei bekommt, sie solle doch mal nachsehen, ob ihre Mutter noch da ist, ahnt sie jedoch nicht, was auf sie warten wird. Gemeinsam mit ihrer Tochter Sam fährt sie zu dem alten großen Haus und befürchtet, ihre Mutter tot vorzufinden. Doch das Haus ist leer. Das Bett sieht aus wie frisch verlassen. Was Kay vorfindet, sind vor allem Hinweise darauf, dass ihre Mutter verstärkt an Demenz litt.

Zettel überall im Haus verteilt, auf denen steht, was man zu welchem Zeitpunkt tun solle. Dass Kay vor ein paar Wochen einen Anruf von ihrer Mutter bekam, indem diese berichtete, jemand anderes wäre im Haus gewesen, tut sie deshalb als Spinnerei und Demenzanfall ab. Dann jedoch mehren sich mysteriöse Vorfälle im Haus. In den Wänden beginnt es zu klopfen und Kay hat mysteriöse Träume von dem alten Schuppen, der einst auf dem Grundstück stand. Sie sieht ihren Vater, der gruselig entstellt wirkt. Dann jedoch taucht ihre Mutter genauso plötzlich wieder auf, wie sie verschwunden war. Doch sie scheint nicht mehr dieselbe. Was ist während ihrer Abwesenheit mit ihr passiert?

Verdammte Axt. Es hat lange gedauert, bevor man sich mal wieder bei einem Film so richtig gruseln konnte. Bis jetzt. Der australische Film von Natalie Erika James, die hier ihr Langfilmdebüt gibt, nimmt einen von Anfang an gefangen. Selbst wenn das Erzähltempo nicht sonderlich hoch ist, fängt er die Geschichte durch die stets extrem atmosphärische Kameraarbeit und die entsprechenden Bilder auf . Schon in der Intro-Szene wird klar, dass der junge Kameramann Charlie Sarroff in seinem erst zweiten abendfüllenden Film verstanden hat, wie man für Spannung sorgt. Mal filmt er aus der Froschperspektive und nimmt nur die Füße der Protagonistin auf, mal beobachtet seine Kamera das Geschehen aus der Entfernung und mal nutzt er Positionen, in denen die Kamera von unten nach schräg oben filmt.

All das mischt er zu einem perfekten Ganzen zusammen, dass den Film aus dem Gruseleinerlei deutlich herausragen lässt. Relic ist aber nicht nur ein oldschool Gruselfilm, sondern auch einer, der von sich entfremdenden Generationen erzählt; von der Vereinsamung der Menschen und von dem schwierigen Thema Demenz. Jene Alterskrankheit, die nicht nur den betroffenen Personen, sondern vor allem auch den Angehörigen alles abverlangt. Natalie James beobachtet hier genau und lässt vor allem die junge Sam spüren, wie heimtückisch die Krankheit zuschlagen und ein Wechselbad der Gefühle auslösen kann. Sie zeigt, was es mit den Menschen am Ende macht, wie sehr sie sich verändern und zum Monster werden (können). Bis zum Schlussbild ist der Film eine Metapher auf diese Problematik.

Das Thema Familie kommt durchweg auf den Tisch. So muss Kay vor dem Polizisten zugeben, dass sie nicht weiß, wann sie das letzte Mal mit ihrer Mutter gesprochen hat. Gleichzeitig scheint der Kontakt zu ihrer Tochter ebenfalls nicht regelmäßig zu sein. So weiß sie beispielsweise ebenfalls nicht, dass diese ihr Studium aktuell abgebrochen hat und wieder in einer Bar arbeitet.

Ein Film also, der auch ein wenig als Plädoyer für das Verständnis und das Kümmern um die Familie handelt und dessen moralisches Gewissen durch Enkelin Sam porträtiert wird.
Aber wieder zurück zum Grusel: Relic wird jenen, die auf möglichst viele Jumpscares hoffen oder Blut sehen wollen, nicht gefallen. Das will er auch gar nicht. Relic bezieht seinen Horror aus Andeutungen, mysteriösen Vorfällen, der Atmosphäre in dem großen Haus und der Frage nach dem, was Grandma Edna so verstört. Da das Darstellertrio ausnahmslos hervorragend spielt und die sich entwickelnden Emotionen glaubwürdig rüber bringt, bleibt man durchweg gefesselt – wenn man sich eben auf das beschauliche Tempo einlassen kann. Diejenigen, die das umarmen, dürfen einen der stimmungsvollsten und schaurigsten Gruselfilme der letzten Monate umarmen.
Wie sagt der Engländer so schön: „This thing scares the sh*t out of you!“ Tatsächlich dürften solche Zuschauer, die empfänglich für gut gemachte Oldschool-Grusler mit atmosphärischen Bildern und schauriger Surroundkulisse sind 90 Minuten eine ziemliche Höllenangst bei "Relic" bekommen.
Autor: Timo Wolters - © 2020 Leonine Distribution. Alle Rechte vorbehalten
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