Der zweite Weltkrieg, irgendwann im Jahr 1941. Es gibt die normalen Soldaten auf beiden Seiten und es gibt „die Verrückten“. Letztere sind ein bunt zusammen gewürfelter Trupp, die den Nazis mehr oder weniger auf eigene Faust empfindliche Nadelstiche versetzen. Genau diese „Verrückten“, die von britischer Seite.

Der zweite Weltkrieg, irgendwann im Jahr 1941. Es gibt die normalen Soldaten auf beiden Seiten und es gibt „die Verrückten“. Letztere sind ein bunt zusammen gewürfelter Trupp, die den Nazis mehr oder weniger auf eigene Faust empfindliche Nadelstiche versetzen. Genau diese „Verrückten“, die von britischer Seite quasi steckbrieflich gesucht werden, bekommen nun einen spezialgelagerten Sonderfall: Der Chef der Truppe, Kommandant Stan, soll seine Jungs für eine selbstmörderische Aktion gewinnen. Stan soll mit der Hilfe eines gefangenen deutschen U-Boot-Kommandanten ein deutsches Untersee-Boot mit spaltbarem Uran vom Kongo in die USA überführen. Der Lohn: Ziemlich viel Geld und (höchstwahrscheinlich) eine Menge getöteter Nazis.

Moment mal: Martin Semmelrogge in einem U-Boot-Film?
Wer da nicht augenblicklich an Petersens Das Boot denkt, hat in deutscher Filmgeschichte während der 80er vermutlich im Winterschlaf gelegen. Dass Semmelrogges Rolle in Das Boot aber durchaus nicht ohne Bedeutung war, als der belgische Regisseur Sven Huybrechts seinen U-Boot-Thriller U-235 – Abtauchen, um zu überleben auf den Weg brachte, scheint mehr als wahrscheinlich. Jetzt müsste man anhand von Semmelrogges Mitwirken in filmischen Ergüssen der letzten Zeit (Tal der Skorpione) eigentlich Schlimmes oder sogar Schlimmste befürchten. Aber gottseidank ist U-235 ja kein deutscher Film, sondern ein belgischer. Die Gefahr, entweder in klischeehaften Komödien oder im Ultra-Trash zu landen, ist also schon mal etwas geringer. Tatsächlich macht Huybrechts Zweite-Weltkriegs-Action-Splatter-Komödie sogar richtig Spaß.

Denn spätestens beim ebenso überraschenden wie zünftigen Shoot-out auf dem Hinrichtungshof zu Beginn des Films wird klar: So richtig ernst nehmen will sich dieser Film nicht. Und das ist auch gut so. Wenn dann nach etwa acht Minuten eine Handgranate in einer Badewanne für ein ziemlich kopfloses Ergebnis sorgt, tendiert der Ton zunächst eindeutig in Richtung schwarzer Humor.

Bevor jetzt aber jemand gleich wieder unkt: „Nee, nicht schon wieder ein Film mit eindimensionalen bösen Deutschen“ – es lohnt sich, weiterzulesen. Oder zu weiterzuschauen – je nachdem. Denn: Ja, der klischeehafte „Fritz“ bekommt sein Fett (oder wahlweise andere Körperteile) weg(gesprengt). Aber in der Figur des gefangenen Kapitänleutnants Franz Jäger implementiert U-235 einen überraschend coolen Kerl, der seine belgische Mannschaft abgeklärt über die Funktionsweise des U-Boots aufklärt. Eine Mannschaft belgischer Honks, die für alles geeignet sein mögen, aber nicht wirklich für das Führen eines technisch hoch entwickelten Unterseeboots. Im Verlaufe des Films wird aus der Zwangsgemeinschaft ein eingespieltes Team, das sich gegenseitig zu respektieren, ja sogar zu schützen weiß. Bei allem schwarzem Humor weiß U-235, wann er in Sachen Spannung und Dramatik anziehen muss, um grundsätzlich packend zu sein. Und packend ist der Film des Öfteren. Schon der geniale Einfall, das deutsche Flugzeug abzuschießen, wurde so auch noch nicht inszeniert.

Auch das Aufeinandertreffen mit einem feindlichen Boot sorgt für Thrill und dass die Produktion praktische Masken beherrscht, zeigt der Film spätestens nach 65 Minuten, wenn ein dramatischer Höhepunkt die Handlung bestimmt. Schwarzer Humor tritt nach und nach etwas in den HIntergrund, Ernsthaftigkeit übernimmt. Die Übergabe funktioniert aber tadellos und wirkt, als handle es sich plötzlich um einen anderen Film. Erstaunlich (bei dem, was man so zu Gesicht bekommt) ist die FSK-16-Freigabe. Ein 18er-Button wäre nicht „unverdient“ gewesen.

Doch abseits von Blutspritzerei gibt’s auch noch ein paar andere Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Beispielsweise das „Geständnis“ von Jäger nach 75 Minuten. Man darf zwar die Frage stellen, warum der Film durch seine Position in diesem Moment die Massenvernichtungswaffe kritisiert, dies aber „nur“ in den falschen Händen. Massenvernichtungswaffe ist Massenvernichtungswaffe. „Richtige“ Hände gibt’s da nicht. Aber sei’s drum. Für den Moment und zur Erklärung seines Verhaltens wirkt es stimmig. Weniger stimmig ist die arg klischeehafte Filmmusik, die viel weniger differenziert ist als Charaktere und Drehbuch des Films. Etwas weniger Pathos wäre auch okay gewesen. Neben der Spannung, die später durchweg aktiv und greifbar bleibt, wissen auch die Figuren selbst zu gefallen. Selten genug, dass man diese verhältnismäßig gut auseinanderhalten kann. Hier ist es so, dass jeder seine individuellen Charaktereigenschaften hat und damit eine gewisse Unverwechselbarkeit und gleichzeitig eine emotionale Bindung einhergeht.
U-235 – Abtauchen, um zu überleben ist ein durchweg stimmiger Mix aus U-Boot-Dramatik, schwarzem Humor und spannender Action geworden. Viel besser als man hätte annehmen können. Und Martin Semmelrogge? Nun, der scheint nur für den prominenten Namen gecastet worden zu sein. Er taucht in zwei Szenen von insgesamt vielleicht zwei Minuten Länge auf. Und dabei spielt er immerhin besser als in den meisten seiner letzten Filme.
Autor: Timo Wolters - © 2020 EuroVideo. Alle Rechte vorbehalten
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