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Filmrezension: Der Schacht

Filmtipp der Schacht newsbildGoreng ist auf Ebene 48. Im Schacht. Der Monat hat soeben angefangen und die Frage stellt sich, was man wohl essen wird. Die Antwort ist einfach: Das, was die von Ebene 47 übrig lassen. Denn Goreng sitzt gemeinsam mit vielen anderen Menschen in einer Art Verlies, das vertikal angeordnete Räume hat. In der Mitte ist ein großer Durchlass, durch den eine Plattform fährt. Immer von oben nach unten. Nach und nach. Auf dieser Plattform ist das begehrte Essen.

 

 

 

der schacht netflix review cover

Goreng ist auf Ebene 48. Im Schacht. Der Monat hat soeben angefangen und die Frage stellt sich, was man wohl essen wird. Die Antwort ist einfach: Das, was die von Ebene 47 übrig lassen. Denn Goreng sitzt gemeinsam mit vielen anderen Menschen in einer Art Verlies, das vertikal angeordnete Räume hat. In der Mitte ist ein großer Durchlass, durch den eine Plattform fährt. Immer von oben nach unten. Nach und nach. Auf dieser Plattform ist das begehrte Essen. Einmal pro Tag wird es neu aufgefüllt und von oben nach unten gelassen. Für die Ebene 1 ist alles im Überfluss vorhanden. Hingegen bleibt für die unteren Ebenen praktisch nichts mehr übrig.

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Es ist Gorengs erster Tag und er weiß noch nicht, wie die Dinge laufen. Er weiß noch nicht, dass man einmal im Monat die Ebene wechselt und Glück oder Pech mit der Zuteilung haben kann. Er weiß auch noch nicht, was passiert, wenn man sich Essen von der Plattform nimmt, um es später zu sich zu nehmen. Eigentlich dachte er, er mache bei einem Experiment mit, an dessen Ende er einen Studienplatz bekommt. Doch dass er von nun an um sein Überleben kämpfen muss; dass er Angst davor haben muss, auf eine tiefere Ebene zu kommen, damit hatte er nicht gerechnet. Und je länger er in dem Komplex ist, desto mehr wirft er seine rationalen Einstellungen über Bord; desto mehr wird er zu dem, was er niemals für möglich gehalten hätte …

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Der frisch gebackene Gewinner des People’s Choice Award for Midnight Madness des 2019er Toronto Filmfestivals bekam vor Ort einen exklusiven Deal mit Streaming-Anbieter Netflix. Die spanische Produktion von Langfilm-Regie-Neuling Galder Gaztelu-Urrutia nutzt sein dystopisches Setting für eine mit Gesellschaftskritik unterlegten und ziemlich fiesen Mix aus dem kanadischen Genreklassiker Cube sowie Bong Joon Hos Snowpiercer. Angereichert mit Bildern, die ein wenig an Ferreris Das große Fressen erinnern, schildert Der Schacht den moralischen Verfall innerhalb menschlicher Gemeinschaften, wenn diese unter drastischen Bedingungen (über)leben müssen.

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Es ist die Lücke zwischen Arm und Reich, die als Motiv auch hier zugrunde liegt. Versinnbildlicht in den unterschiedlichen Stockwerken des Schachts. Und anschaulich gemacht am Verteilungskampf des wichtigsten Guts: Lebensmittel. Buchstäblich bekommen die „Armen“ in den unteren Stockwerken hier nur noch, was die „Reichen“ in den oberen Stockwerken übrig lassen. Theoretisch würde die Menge an Speisen auf dem Block, der da durch die Etagen fährt, für alle ausreichen. Allerdings liegt es in der Natur des Menschen zu bunkern und sich ohne Rücksicht auf Nachfolgende den Bauch vollzuschlagen.

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Allerdings macht es sich der Film nicht so einfach, tatsächlich annehmen zu lassen, dass hier wirklich nach „reich“ und „arm“ getrennt wurde. Denn die Stockwerke wechseln. Jeder Insasse des Komplexes kann also mal oben und mal unten landen. Jeder kann also mal das abbekommen, was andere übrig lassen – inklusive möglichen Spukabfälle. Kein Wunder, dass sich Gorengs anfänglich sehr damit zurückhält, von der Plattform zu essen. Zumal es wirklich nicht appetitlich ist, was er beobachtet, wenn sein Mitbewohner Trimagasi sich den Wanst voll schlägt. Man muss schon einen etwas stärkeren Magen haben, wenn man Der Schacht ohne Würgereiz durchstehen möchte.

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Bevor es aber wirklich heftig zur Sache geht, nimmt sich der spanische Film die nötige Zeit, seine beiden Hauptfiguren vorzustellen. Die Tatsache, dass Goreng neu in diesem Bunker ist, wird geschickt genutzt, um die für den Zuschauer wichtigen Fragen zu beantworten. Goreng nimmt außerdem die Position des Zusehers ein. Er ist der Vernünftige. Derjenige, der mit den oberen Ebenen in Kontakt treten und verhandeln möchte, damit alle etwas haben.

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Trimagasi schimpft ihn daraufhin einen Kommunisten, auf den niemand hören wird. Trimagasi hat sich eh an die Zustände gewöhnt. Ihm ist es egal, wenn die von oben auf ihn (und sein Essen) pissen. Immerhin kann er es der unteren Etage ja gleich tun. Ja, so ein bisschen holzhammermäßig ist das schon, was Drehbuchautor David Desola hier an Gesellschafts-Reflektion vor den (Schlabber)Latz ballert. Aber es wirkt. Und das nicht zu knapp. Spätestens, wenn abseits des Essens-Themas auch andere Probleme verhandelt werden, und spätestens, wenn Goreng und Trimagasi gemeinsam auf einer der untersten Ebenen ankommen und das Thema Kannibalismus aufgegriffen wird, geht’s an die niedersten Instinkte des Menschen. Und wenn Goreng nach 33 Minuten seine Unschuld verliert, gibt’s kein Halten mehr.

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Von nun an tun sich nicht nur menschliche Abgründe auf, sondern es setzt auch grafische Gewalt. Und das nicht zu knapp. Netflix stuft Der Schacht ab 18 Jahren ein. Und das zu Recht. Wenn Fleisch aus dem lebendigen Körper gelöst wird und rohe Innereien von Mitinsassen gefressen werden, ist das grafisch schon ziemlich lebendig und hochwertig umgesetzt. Und spätestens während der letzten 20 Minuten wird’s dann auch mal richtig roh und brutal. Für einen Streaming-Anbieter geht’s hier schon ziemlich zur Sache. Mit dem Auftritt von Imoguiri gesellt sich dann ein weiteres erzählerische Element hinzu. Die einst für die Verwaltung arbeitende Insassin versucht es mit der Vernunft, an der schon Goreng zuvor scheiterte. Irgendwann heißt es dann „spontane Solidarität vs. Drohung“ – dreimal dürft ihr raten, was bei den anderen Insassen mehr zieht.

Nein, es ist keine schöne neue Welt, die Der Schacht hier skizziert (um es mit Aldous Huxleys Worten zu sagen). Es ist eine egoistische und verachtende Welt, in der sich jeder selbst der Nächste ist. In der sich unbekannte Menschen dem anderen lieber ins Gesicht schei*en als ihm bei einem edlen Vorhaben zu helfen. Jeder könnte der Nächste sein, der einen in der Versorgungskette eine Stufe nach unten drängt. Konsequent bis zum Schluss erzählt und mit ein paar innovativen Erzähl-Einfällen garniert schält sich hier ein echtes Netflix-Highlight heraus, das man als Genre-Fan unbedingt gesehen haben muss.

 

 

Fazit:

Der Schacht gehört zu den gelungensten Vertretern eines dystopischen Kinos der letzten Jahre. Atmosphärisch dicht, schauspielerisch überzeugend und grafisch wirklich gehaltvoll überzeugt er Genrefans und solche, die in Filmen gerne überspitzte Reflexionen der Gesellschaft sehen. Gegenüber einem The Cube muss sich Gaztelu-Urrutias Debütfilm jedenfalls nicht verstecken und sollte ein ähnliches Kultpotenzial entwickeln.

 

Filminfos und Inhalt: Der Schacht

  • Anbieter: Netflix
  • Land/Jahr: Spanien 2019
  • FSK 18
  • Regie: Galder Gaztelu-Urrutia
  • Darsteller: Ivan Massagué, Zorion Eguileor, Antonia San Juan, Emilio Buale
  • Tonformate Dolby Digital Plus 5.1: de, sp, en
  • Bildformat: 2,35:1
  • VÖ: verfügbar auf Netflix

 

Autor: Timo Wolters - Copyright Szenenfotos: Netflix))

 

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