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Filmrezension: Joker

terminator dark fate 4k uhd blu ray review coverMüll und Ratten: Gotham City versinkt zu Beginn der 80er in Schmutz und Zivilisationsabfall. Die Heizölpreise steigen und die Menschen beginnen, den Glauben an den Kapitalismus zu verlieren. Inmitten dieser grauen Zeiten...
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Müll und Ratten: Gotham City versinkt zu Beginn der 80er in Schmutz und Zivilisationsabfall. Die Heizölpreise steigen und die Menschen beginnen, den Glauben an den Kapitalismus zu verlieren. Inmitten dieser grauen Zeiten versucht sich Arthur Fleck über Wasser zu halten. Als Clownsdarsteller wird er über eine Agentur gebucht, wenn mal wieder jemand einen Auftritt im Krankenhaus braucht oder eine Werbefigur vor seinem Laden. Arthur hat sein Leben lang nicht gerade unter der Sonne gelebt. Gemeinsam mit seiner hilfsbedürftigen Mutter haust er in einem runtergekommenen Appartement und leidet zudem unter einer Krankheit, die ihn in den unpassendsten Situationen immer wieder in hysterische Lachanfälle ausbrechen lässt.

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Während er davon träumt, ein Stand-up-Comedian zu sein und in Talkshow-Moderator Murray Franklin sein großes Vorbild sieht, muss er neben der üblichen Anfeindungen, die er als Außenseiter tagtäglich erfährt, auch noch erdulden, dass er seinen Job verliert. Dem nicht genug, trifft er Abends in der U-Bahn auf ein Trio aus betrunkenen Yuppies, die eine Frau belästigen. Erneut bekommt Arthur einen Lachanfall und erneut wird er verprügelt. Doch dieses Mal greift er zu dem Revolver, den er einige Tage zuvor von seinem Arbeitskollegen Randall zugesteckt bekam. In einem Anflug aus Wut, Selbstverteidigung und Schmerz tötet er die drei Angreifer. Eine Aktion, die nicht nur sein Leben, sondern das von ganz Gotham City verändern wird …

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Nur wenige Figuren aus dem DC-Comicuniversum bieten eine so dankbare Grundlage für eine Filmfigur wie der Joker. Neben ihm verblasste schon ein (wahrlich nicht schlechter) Christian Bale als Batman. Die Faszination, die von diesem clownsgesichtigen Charakter ausgeht, hat schon Jack Nicholson und Heath Ledger zu absoluten Höchstleistungen getrieben und beim Publikum für frenetischen Jubel gesorgt. Umso gespannter durfte man sein, nachdem sich heraus kristallisierte, dass es eine neue Verfilmung geben würde, die sich ausschließlich um die Figur des zukünftigen Batman-Nemesis dreht. Bereits zwischen 2014 und 2015 hatte Todd Phillips eine Idee entwickelt, dem Joker einen individuellen Film zu widmen, nachdem er diverse Angebote, eine Comicverfilmung zu übernehmen ablehnte, weil diese ihm in der Regel zu effekthaschend waren.

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Etwa zur gleichen Zeit lehnte auch Joaquin Phoenix Angebote ab, in MCU-Filmen mitzuspielen, weil er sich nicht an eine Figur binden wollte, die über mehrere Filme hinweg verfügbar sein musste. Als Phillips für sein Projekt grünes Licht bei Warner bekam (was Suicide-Squad-Darsteller Jared Leto, dem man ursprünglich einen Solo-Joker-Film versprochen hatte, ziemlich auf die Palme brachte), stand führ ihn fest, dass es nur einen Hauptdarsteller geben konnte: Joaquin Phoenix. Während Warner eigentlich Leonardo DiCaprio für den Film vorgesehen hatte, konterte Phillips mit der Aussage, dass es ihm nicht darum ginge, Phoenix ins Comic-Universum einzuführen, sondern Comicverfilmungen in das Joaquin-Phonix-Universum (Quelle).

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Und wer Phoenix‘ Filme kennt; wer weiß, dass er sich gerne die außergewöhnlichen Rollen mit den kaputten, angeschlagenen, von Dämonen verfolgten Typen spielt (zuletzt bspw. A Beautiful Day), der ahnt, dass Joker alles andere als eine übliche Comicverfilmung ist. Zweifelsfrei ist es die uncomichafteste aller Comic-Verfilmungen. Und sie dreht sich um Phoenix. Der Schauspieler ist zentraler Mittelpunkt des Films. Seine Performance IST der Film. Es ist absolut nicht weit hergeholt, wenn man Phoenix‘ Interpretation der Rolle des Arthur Fleck als den Travis Bickle der Comic-Figuren bezeichnet und Joker damit als den Taxi Driver unter den DC-Filmen. Sogar für die legendäre „Redest-du-mit-mir“-Szene gibt es hier eine Entsprechung. Man sollte um den Fakt wissen, dass der eigentliche Joker, wie wir ihn kennen, lediglich die letzten 20-25 Minuten des Films ausmacht. Zuvor sehen wir zu, wie dieser Arthur Fleck zu dem wurde, was wir als Clownsgegner von Batman kennen. Wir bekommen Einblicke in das Leben eines Verlierers, der stetig am Rande eines Nervenzusammenbruchs ist.

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Eines Mannes, der die Schwelle zur Psychose eigentlich schon lange überschritten hat und dessen unkontrollierte Lachanfälle nur Ausdruck seiner inneren Leere sind. Joker ist das Porträt eines geistig labilen Charakters, kein Heldengemälde. Es ist vom klassischen Comic-Film soweit entfernt wie die Fast&Furious-Filme vom tiefgründigen Drama. Und während sich der Film fast maximal weit vom Comic-Universum entfernt, taucht Phoenix in seine Rolle ein als gäbe es kein Morgen mehr. Heath Ledger, dessen Verkörperung der Figur bereits zu einer Ikone wurde, konnte sich vielleicht nur deshalb so sensationell in diese Rolle begeben, weil er innerlich schon schwer angeschlagen war. Wenn das so ist, darf man nicht unberechtigt Angst um Joaquin Phoenix haben. Denn was der Schauspieler hier (zurecht mit dem Oscar bedacht) abliefert, ist beängstigend. Dieses ständige Wandeln auf dem schmalen Grad zum Verrückten, diese Gefühlskämpfe, die den ganzen Schmerz der Demütigungen in seinem Lachen preisgeben, das ist schon sensationell gespielt. Und es ist manipulativ. In der Klimax-Szene in der U-Bahn nach etwas über 30 Minuten wird das für den Zuschauer deutlich: Von schwankendem Licht und wackliger Kamera begleitet, bricht die Gewalt eruptiv aus Arthur heraus.

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Das erste Mal lässt er sich die Demütigungen nicht mehr gefallen. Das erste Mal wehrt er sich. Und wer zu lange Kränkungen in sich hinein gefressen hat, wehrt sich möglicherweise auch heftiger. Man merkt Fleck an, dass er das nicht geplant hatte. Dass er kaum davon ausgehen konnte, derart krass zu reagieren. Für einen kurzen Moment weiß er nicht, was er getan hat und was er tun soll. Er hält sich die Waffe an den eigenen Kopf, setzt dann aber wieder ab und verfolgt seinen letzten Peiniger. Bis zum bitteren Ende. Wer da nicht auf des Jokers Seite ist, hat seine Lektion in kritischer Distanz gelernt. Viele Kritiker warfen Joker vor, eine Entschuldigung für Gewalt zu liefern. Eine Rechtfertigung für Mord. Viele sahen in Arthur Fleck einen Psychopathen. Was wiederum andere Kritiker dazu veranlasste, sehr deutlich zu machen, dass das Stereotyp, es gebe einen kausalen Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Gewalt, falsch ist (Quelle).

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Zumal die gängigen und in entsprechenden Rezensionen gern genannten Psychosen auf Fleck erst gar nicht zutreffen. Weder ist er ein klassischer Schizophrener, noch kann man die typischen Merkmale eines Soziopathen (fehlendes Mitgefühl, Einfühlungsvermögen oder Unrechtsbewusstsein) an ihm festmachen. Immerhin kümmert er sich einfühlsam um seine Mutter, empfindet Mitgefühl, wenn sein unangepasstes Lachen zu Problemen führt und weiß sehr wohl, was Recht und was Unrecht ist. Was man Joker aber vorwerfen kann (wenn man möchte), ist tatsächlich, dass er manipulativ mit den Gefühlen des Zuschauers umgeht. Denn die Intensität, mit der Phoenix spielt und die Art, wie man ihm Unheil widerfahren lässt, führt zu einem hohen Maß an Mitgefühl für seine Person. Todd Phillips häuft Schmach um Schmach, Kränkung um Kränkung an, um seinen Protagonisten am Ende vor einem gigantischen Berg aus Demütigung stehen zu lassen. Kein Wunder, dass Arthur diesen lieber einreißt als ihn zu erklimmen und zu überwinden. Man kann nachvollziehen, was aus Fleck wird und fragt sich allen Ernstes, ob man in der gleichen Situation ähnlich gehandelt hätte. Und wenn die Büchse der Pandora einmal geöffnet ist …

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Auf der anderen Seite kann es beim Zuschauer natürlich auch auf totale Ablehnung stoßen. Nicht wenige verließen den Kinosaal. Einige sicherlich, weil sie angewidert von dieser Anhäufung an Elend waren. Andere aber auch deshalb, weil sie keine Lust darauf hatten, sich der manipulativ eingesetzten Selbstmitleids-Tirade noch länger auszusetzen. Und so ganz Unrecht haben sie damit nicht. Denn was selbst die großen Fans des Films zugeben müssten: Es hätten auch weniger Ereignisse ausgereicht, um den Weg von Fleck zu Joker nachzuzeichnen. Zwischendurch denkt man schon mal, dass Phillips es übertreibt, nur um auch noch dem letzten Zuschauer einzubläuen, dass es für Arthur keinen anderen Ausweg mehr gegeben hat. Diese streckenweise repetitive Erzählweise lässt das Geschehen schon mal zäh werden. Glücklicherweise wird das von der tollen Kameraarbeit, dem vorzüglichen Setdesign und dem wirklich großartigen Score etwas aufgefangen. Das Zusammenwirken dieser drei Faktoren sorgt mit Phoenix‘ Darstellerleistung trotz einiger erzählerischer Mankos (bspw. der schwach charakterisierten Beziehung zwischen Arthur und seiner Mutter) für einen gelungenen Film – allerdings für einen, zu dem man eine gewisse kritische Distanz (zumindest in der Rückbetrachtung) einnehmen sollte.

 

 

Fazit

Joker lebt sehr von der Darstellung der Hauptfigur durch Joaquin Phoenix. Zu sehr, wenn man es genau nimmt. Denn wo schon die psychologischen Faktoren und Hintergründe der Titelfigur zumindest fragwürdig sind, bleibt die eigentliche Story hinter diesem Psychogramm eines Verlierers dünn und bisweilen sogar schlampig. Manchmal versucht Phillips Film zu sehr, den Vorbildern eines Martin Scorsese nachzueifern und vernachlässigt dabei die Nebenfiguren. Man muss Joker allerdings ein Kompliment dafür machen, wie geschickt er es versteht, den Zuschauer auf Arthurs Seite zu ziehen. Und hier kommt dann wieder Phoenix‘ Leistung zum Tragen, die den Zuschauer packt und kaum loslässt. Technisch liefert die UHD das sauberere und insgesamt passendere Bild zum schmuddeligen Look des Films. Der Atmos-Sound liefert dazu eine sehr räumliche Kulisse mit dynamischem Score, aber nur sehr wenig Höhen-Aktivität.

 

Filminfos und Inhalt: Joker

  • Anbieter: Warner Home Video
  • Land/Jahr: USA 2019
  • FSK 16
  • Regie: Todd Phillips
  • Darsteller: Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Marc Maron, Shea Whigham, Frances Conroy, Bill Camp, Brett Cullen
  • Tonformate BD: Dolby Atmos (True-HD-Kern): de // Dolby Atmos (DD+-Kern): en // Dolby Digital 5.1: de, en
  • Tonformate UHD: Dolby Atmos (True-HD-Kern): de, en // Dolby Digital 5.1: de, en
  • Bildformat: 1,85:1
  • VÖ: 12.03.2020

 

Autor: Timo Wolters - Copyright Szenenfotos: Warner Home Video

 

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