New York 1962: Der italienischstämmige Tony ist ein Schläger. Ein guter Schläger. Und deshalb nimmt er immer wieder Jobs als Türsteher an. Hier macht er kaum einen Unterschied, wen er Abends mit den Fäusten aus den Lokalen schickt.

New York 1962: Der italienischstämmige Tony ist ein Schläger. Ein guter Schläger. Und deshalb nimmt er immer wieder Jobs als Türsteher an. Hier macht er kaum einen Unterschied, wen er Abends mit den Fäusten aus den Lokalen schickt. Allerdings würde er gerne einen Unterschied machen, wer bei ihm zuhause Klempner-Arbeiten verrichtet. Denn so ein paar „Schokos“ hat er nur ungerne im Haus und entsorgt daraufhin auch lieber die Gläser, die seine Frau Dolores ihnen zum Trinken gegeben hat. Wäre ja noch schöner, wenn so eine afroamerikanische DNA an den Trinkgefäßen klebt.

Doch dann macht der Nachtclub, in dem Tony den Rausschmeißer gibt, für einige Wochen dicht. Tony braucht einen Job. Zur gleichen Zeit hört der Jazz-Pianist Dr. Don Shirley von den Referenzen des Türstehers und beschließt, ihn zum Vorstellungsgespräch einzuladen. Shirley braucht einen Fahrer/Bodyguard für seine bevorstehende achtwöchige Tournee durch die Südstaaten. Für Tony gut verdientes Geld, für das er auch darüber hinweg sieht, dass Shirley Afroamerikaner ist. Sie planen ihre Reise mit der Hilfe des Negro Motorist Green Book, das jene Lokalitäten und Hotels aufführt, in denen auch Schwarze einkehren dürfen. Und während sie durchs Land touren, lernen die beiden unterschiedlichen Typen allmählich, ihre Differenzen zu beseitigen und füreinander einzustehen. Mehr noch: Sie lernen voneinander …

Ein bisschen Miss Daisy und ihr Chauffeur lugt um die Ecke und Ziemlich beste Freude ist auch nicht weit, wenn Viggo Mortensen als italienischer Prolet und Mahershala Ali als feingeistiger Afroamerikaner aufeinandertreffen – freilich mit eher vertauschten Rollen. Basierend auf Interviews mit den realen Vorbildern Frank Anthony Vallelonga Sr. und Don Shirley sowie auf den Briefen, die Vallelonga während der Tournee an seine Frau verfasste, schrieben die beiden Autoren Peter Farrelly und Brian Curry gemeinsam mit Tonys Sohn Nick Vallelonga die Filmvorlage. Außerdem konsultierte man die Shirley-Nachkommen, um der Story treu zu bleiben. Viel näher konnte man den Tatsachen für Green Book also kaum kommen. Und das merkt man dem Film durchweg an. Zu Beginn scheut er sich aber zunächst einmal nicht, üble rassistische Äußerungen zu äußern (wenngleich manchmal in italienisch, damit es die Handwerker nicht verstehen). Man wird als Zuschauer also durchaus darauf aufmerksam gemacht, dass die 60er Jahre in den USA keine gute Zeit für Afroamerikaner waren und man sie am liebsten noch wie Tiere behandelt hätte.
Dass dem an sich nicht ganz einfachen Thema dennoch so ein angenehm-lockerer Unterton zuteil wurde, liegt natürlich zum einen am Drehbuch, zum anderen aber auch am Regisseur (der – wie erwähnt – für die Vorlage mit verantwortlich war). Denn auf dem Stuhl des Filmemachers sitzt kein Geringerer als Peter Farrelly. Ja, genau DER Farrelly, der mit seinem Bruder Bob zotige Komödienhits wie Verrückt nach Mary inszenierte oder unsägliche alberne Filme wie Dumm und Dümmer verbrochen hat. Man mag kaum glauben, dass er sich in Sachen Stupidität einfach mal zurück nimmt und der Geschichte dient. Aber genau das gelingt ihm hervorragend. Und gleichzeitig zeigt er eben jenes Talent, das er für Situationskomik hat. Warum, mag man fragen, verschwendete er sein (offensichtliches) Talent bisher an Dämlichkeiten wie Die Stooges und gab sich sogar die Blöße, Dumm und Dümmer auch noch mit einer Fortsetzung zu beglücken? Man wird die Antwort nicht herausfinden, darf aber die vage Hoffnung haben, dass er nach dem Erfolg von Green Book verstärkt auf solche Filme setzt und damit Publikum und Kritik überzeugt – der Oscar für den besten Film des letzten Jahres sollte Anschub genug dafür sein.
Während er sich anfangs gebührend Zeit nimmt, um gerade Tony vorzustellen, nimmt der Green Book an Fahrt auf, sobald die beiden unterwegs sind und feststellen, wie unglaublich verschieden sie sind. Auf der einen Seite der kultivierte Künstler, dessen Ausdrucksweise auch am Hofe gut passen würde. Auf der anderen Seite der ungehobelte Klotz, der entweder (fr)isst oder raucht oder beides gleichzeitig und dabei Dinge von sich gibt, die Don die Sprache verschlagen. Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie respektvoll Green Book beiden Figuren begegnet. Ohne aggressiv zu werden, reagiert Tony auf die ständigen Korrekturen Dons – und das, obwohl der Pianist durchaus blasiert ist. Don wiederum lässt sich irgendwann doch von Tonys Redseligkeit anstecken und lässt sich sogar dazu herab, Kentucky Fried Chicken mit den Fingern zu essen. Klasse auch situationskomische Momente wie der Blick-Disput zwischen Toni und Dons Angestelltem Amit zu Beginn der Reise, wenn es um das Verstauen des Gepäcks geht.


Das Ganze würde aber nicht funktionieren, wenn der Film nicht von zwei Darstellern getragen würde, die grandios aufspielen. Während Mahershala Ali als Nebendarsteller mit dem Oscar ausgezeichnet wurde (und man vortrefflich diskutieren könnte, ob das wirklich noch eine Nebenrolle ist), ging Viggo Mortensen zwar „nur“ mit einer Hautprollen-Nominierung nach Hause, agiert aber absolut herausragend. Mit 20 kg angefutterter Körperfülle und einem antrainierten italienischen Dialekt (unbedingt mal in den O-Ton hören) ist er der souveräne Fels in der Brandung von offener Gewalt und hinterwäldlerischen Ressentiments. Es gelingt ihm, trotz der Vorbehalte seiner Figur, sie offen und treu darzustellen, nach einem Ehrenkodex zu handeln. Das wirkt authentisch und fühlt sich echt an. Man hat nie das Gefühl, dass es sich so bestimmt niemals zugetragen hat.

Und das Zusammenspiel der beiden ist sensationell. Gäbe es einen Oscar für das Leinwandpaar mit der besten Chemie – die beiden hätten ihn souverän mit nach Hause genommen. Ohne jede Peinlichkeit gelingen ihnen sogar anrührende Szenen, bei denen man sich für den Kloß im Hals nicht schämen muss. Mit einem feinen Gespür für Ausgewogenheit spürt Green Book auch den persönlichen Untertönen nach; schildert, wie einsam ein begnadeter Pianist ist, der sich weder unter Schwarzen noch unter Weißen wohl fühlt.

Aber auch der Alltagsrassismus, der fast beiläufig geschieht, wird thematisiert: Wenn Tony beim Hören von afroamerikanischen Künstlern gegenüber seinem Auftraggeber von „Ihre Leute“ spricht. Oder wenn Don von einer feinen weißen Gesellschaft gebucht und gefeiert wird, aber zur Notdurft aufs Plumpsklo im Garten muss. Gleichzeitig verschweigt Green Book nicht den umgekehrten Rassismus, der bisweilen von Don ausgeht. Diese unterschwellige Art, das Thema zu verhandeln ist dabei nicht geringschätzig, sondern wirkt gerade deshalb effektiv. Wo man zuvor noch über die Dialoge der beiden schmunzelte, bleibt einem für einen kurzen Moment das Lachen im Hals stecken und es wird einem bewusst, wie durchzogen die damalige Zeit vom permanenten Rassismus gewesen ist – und zwar in jedwede Richtung. Dass die Südstaaten dabei ziemlich ihr Fett weg bekommen, wirkt durchaus gewollt.
Green Book ist kein Film, dem man einfach so den Oscar zugeschustert hat, weil es man es thematisch eben für richtig hielt. Nein, Green Book ist ein kleines Meisterwerk voller leiser und feiner Töne. Ein Porträt einer ungewöhnlichen Freundschaft und eine unterschwellige Kritik am Alltagsrassismus in den USA, der sich seit einigen Jahren leider erneut einschleicht. Getragen von zwei außergewöhnlich guten Darstellern und mit der perfekten Harmonie aus Humor und Drama gelingt Peter Farrelly das Kunststück, seine seichten bis dämlichen Komödien für 130 Minuten vergessen zu lassen – Respekt!
Autor: Timo Wolters - Copyright Szenenfotos: 20th Century Fox Home
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