Rezension des Films: 25 km/h. Mit 15 wollten die beiden auf dem Land groß gewordenen Brüder Georg und Christian eine Deutschlandreise unternehmen. Doch es kam anders: Christian verließ das Dorf, um Karriere als Manager zu machen. Georg blieb zurück und bildete sich im Handwerk (…)

offizieller Trailer zu 25 km/h
Mit 15 wollten die beiden auf dem Land groß gewordenen Brüder Georg und Christian eine Deutschlandreise unternehmen. Doch es kam anders: Christian verließ das Dorf, um Karriere als Manager zu machen. Georg blieb zurück und bildete sich im Handwerk aus. Nun, als über Dreißigjährige treffen sie seit Ewigkeiten wieder aufeinander – bei der Beerdigung des Vaters. Da Georg es Christian nicht verzeihen kann, dass der sich aus dem Staub gemacht und Christian mit der Pflege des Papas allein gelassen hat, gibt’s direkt Prügel – noch auf dem Friedhof.

Doch bei Alkohol und alten Geschichten findet man wieder Gemeinsamkeiten. Wie eben das alte Vorhaben der Deutschlandreise. Noch mit betrunkenem Kopf steigen sie auf die beiden ollen Mofas aus ihrer Jugend und machen sich daran, das alte Ziel zu realisieren. Doch damals wurde nicht nur die Reise an sich beschlossen. Vielmehr sollten auf dieser auch Aufgaben erfüllt werden: Arschbombe vom Zehner, Sex, am Timmendorfer Strand ins Meer pinkeln oder die Karte beim Griechen einmal komplett runter essen. Und da Mann zu seinem Wort steht, wird die Liste abgearbeitet. Gut, Christian meint, man müsse das ja nicht so ernst nehmen. Aber irgendwie erledigen sie es dann doch – und lernen sich und den anderen dabei besser kennen als geahnt … Roadmovies können’se, die Herren Goller und Ziegenbalg.

Was das Team aus Regisseur und Autor schon in Friendship! bewies, untermauern sie nun mit 25 km/h. Und wie. Aufgrund der weniger hippen Besetzung mit den gestandenen Darstellern Bjarne Mädel (Der Tatortreiniger) und Lars Eidinger (Werk ohne Autor) fühlt man sich weniger in einem Star-Vehikel, sondern eher in einem ernst zu nehmenden Lebensdrama mit komischen Aspekten. In seinen besten Momenten schafft es 25 km/h die süße Melancholik von Lynchs unterschätztem Meisterwerk The Straight Story einzufangen und garniert seinen Film ebenso mit tollen Landschaftsaufnahmen, vor denen die „rasenden“ Mofas ähnlich wirken wie Alvins Rasenmäher. Dabei führt Goller seine beiden Hauptfiguren zunächst behutsam und erstaunlich sorgsam ein. Doch selbst in den sehr zeitaufwändigen Szenen nach der Beerdigung wirkt das Geschehen nicht gedehnt.

Und das, obwohl es gefühlt ewig dauert, bis Georg mal ein Wort sagt. Doch weil Bjarne Mädel den grummeligen „Daheimgebliebenen“ so unnachahmlich gibt, schmunzelt man sogar, wenn praktisch gar nichts passiert. Das Timing für den langsamen Aufbau sitzt und auch die Erklärung, warum ausgerechnet Workaholic Christian den Vorschlag für die nun endlich durchgeführte Reise unterbreitet, funktioniert. Während dieser kommt es dann ebenso zu zahlreichen humorvollen bis brüllkomischen Szenen (bspw. wenn einer der beiden über dem Lenker einschläft) wie zu schrägen bis melancholischen oder gar dramatischen Momenten. Weil diese Szenen sich aber vortrefflich abwechseln, bleibt die Waage zwischen Komik und Drama stets erhalten. Zumal die ernsteren Momente eine Menge Wahrheit aussprechen.

Wenn Christian Georg sagt, was er im ersten Moment der Nachricht vom Krebs des Vaters gedacht hat, will das kein Vater im Nachhinein hören – aber aufrichtig ist es. Dass das Ganze neben dem hervorragenden Timing so gut funktioniert, liegt aber vor allem auch an den beiden perfekt harmonierenden Darstellern. Die so ungleichen Brüder werden von Mädel und Eidinger so glaubwürdig gegeben und funktionieren gemeinsam in jeder Szene. Egal, ob bewegend, dramatisch oder witzig – diesem Schauspieler-Paar würde man auch noch weiter folgen als nur auf dem Mofa durch Deutschland.

Alleine für die unglaubliche Stepptanz-Szene lohnt sich 25 km/h, die Goller und seine beiden Protagonisten ohne jedes Risiko zum Fremdschämen umsetzen. Und wenn uns der Film dann nach einer Stunde noch eine faustdicke Überraschung präsentiert, nimmt die Story noch einmal an Fahrt auf, was nochmals zu wunderschönen Szenen führt.

Bei all den gelungenen und bewegenden Momenten dieses so unprätentiös gefilmten und gespielten Highlights kann man dann auch über die (zugegebenermaßen witzige) Sequenz mit einem herrlich überagierenden Wotan Wilke Möhring hinwegsehen. Die einzige füllende Szene, die etwas wirkt, als hätte man sie künstlich einbauen müssen, um den 10-Meter-Wheelie bergab zu realisieren.
Zwei perfekt harmonierende Darsteller, ein ausgewogenes Drehbuch, zwei Mofas, eine Menge 90er-Jahre-Kultsongs – mehr braucht’s nicht für einen äußerst gelungenen deutschen Film. Wenn alle hiesigen Produktionen so wären, bräuchte man auch keinen x-ten Schweiger mehr. Nach 303 damit schon das zweite deutsche Roadmovie der letzten Monate, das man unbedingt sehen sollte!
Autor: Timo Wolters - Copyright Szenenfotos: Sony Pictures Entertainment Deutschland
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